DFB-Scout
"Die Spieler können nicht mehr so flanken wie früher"
Urs Siegenthaler, Chefscout der deutschen Mannschaft, über die Erstarrung im System und Freistoßschützen, die üben müssen.
Von Christof Kneer
SZ: Herr Siegenthaler, Sie haben am Mittwochabend das zweite Halbfinale zwischen Portugal und Frankreich beobachtet. Wollten Sie den Gegner für das Spiel um Platz drei ausspähen?
Siegenthaler: Nein, ich habe schon vor dem Turnier beschlossen, mir beide Halbfinals anzusehen. Das gehört zu meiner Arbeit und auch zu meinem Charakter, dass man etwas, was man beginnt, auch sauber zu Ende bringt.
SZ: Waren Sie nicht enttäuscht von der Qualität dieses Spiels?
Siegenthaler: Ich war begeistert.
SZ: Das ist jetzt Ironie, oder?
Siegenthaler: Nein, ganz im Ernst, ich war begeistert. Und wissen Sie, warum? Ich durfte noch mal dabei sein, wenn Zidane spielt.
SZ: Gegen so viel Magie kann sich auch ein kühl analysierender Chefscout nicht wehren.
Siegenthaler: Nein, natürlich nicht, ich mache diesen Job ja aus vollem Herzen. Und als Schweizer habe ich sowieso eine Nähe zu Frankreich, ich war ja von 1984 bis 1986 Trainer in Toulouse und habe die große Nationalmannschaft mit Platini, Giresse und Tigana erlebt.
SZ: In diesem Spiel boten beide Teams nur mit einem Stürmer auf. Ist das der neue, unselige Trend des Weltfußballs?
Siegenthaler: Ich bin nicht der liebe Gott.
SZ: Aber Sie sehen viele Spiele.
Siegenthaler: Ja, und natürlich ist mir das negativ aufgefallen. Dieses Turnier ist eine Aufforderung an die Trainer, sich Gedanken zu machen, wie man die Offensive wieder fördern kann. Die Trainer müssen sich überlegen: Wollen wir wieder Fußball spielen?
SZ: Ist es nicht ein Armutszeugnis, wenn zwei Halbfinalisten so spielen?
Siegenthaler: Man muss das schon ein bisschen differenzierter sehen. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass Frankreich nur mit einem Stürmer spielt. Von der Grundaufstellung her stimmt das, aber Ribery ist gelernter Stürmer und auch Zidane hat ja fast nur vorne gespielt. Wenn Frankreich gut spielt, können die das, dennoch wird ein Turnierfazit sein: Wer Tore schießen will, braucht Stürmer. Eine Mannschaft, die ohne Stürmer aufs Feld kommt, hat keine Chance, ein Tor zu erzielen. Der Satz könnte von Sepp Herberger stammen, er ist aber nach diesem Turnier so wahr wie noch nie.
SZ: Eigentlich ist das doch ganz einfach: Man stellt einen Stürmer mehr auf.
Siegenthaler: Wenn‘s nur so einfach wäre . . . Ich glaube, dass die Trainer sich schwer tun, Offensive zu vermitteln.
SZ: Wie meinen Sie das?
Siegenthaler: Ich denke, dass der Fußball keineswegs ausgereizt ist, wie manchmal behauptet wird. Eher das Gegenteil ist der Fall: Ich bin überzeugt, dass der Fußball in seiner taktischen Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt. Inzwischen haben wir es ge-schafft, im Spiel gut organisiert zu sein, und schon sagen alle: Oh, Super-Taktik! Das Problem ist aber: Es gibt noch überhaupt keine Lösung, diese gute Organisation des Gegners zu überwinden. Man spielt mal hintenrum oder mal vertikal oder der Stürmer kommt entgegen und lässt prallen, aber das ist alles nach dem bekannten Schema. Echte Alternativen gibt es nicht. Der Fußball hat jetzt eine Phase erreicht, in der mal wieder was Neues passieren muss.
SZ: Das heißt: Es wird Zeit, dass ein großer Trainer wieder was erfindet.
Siegenthaler: Warum ein großer? Wo kommen denn die guten Fußballer her?
SZ: Von der Straße?
Siegenthaler: Vielleicht, aber danach landen sie im Jugendbereich eines Vereins, bei hervorragenden Ausbildern. Aber: bei unbekannten! Kein Mensch kennt die 1000 Unbekannten, die die vielen Klassefußballer bis zu ihrem 18. Lebensjahr begleiten. Aber ich bin mir sicher, dass einer dieser 1000 Unbekannten eine Lösung anbieten wird.
SZ: Das heißt, die Revolution muss von unten kommen?
Siegenthaler: Wenn Sie durch die französischen oder Schweizer Fußballschulen laufen, sehen Sie keinen Platini oder Tigana. Da stehen Leute wie der Markus Frei, wo Sie sich fragen: Hat der auch mal Fußball gespielt?
SZ: Hat der auch mal Fußball gespielt?
Siegenthaler: Ja, aber vor allem ist er der Mann, der die Schweizer U17 vor vier Jahren zum Europameister gemacht hat. Gegenfrage: Werde ich bei Nestle in den Verwaltungsrat gewählt, nur weil ich viel Schokolade esse?
SZ: Sie wollen damit sagen, dass man nicht 67 Länderspiele haben muss, um ein guter Trainer zu sein.
Siegenthaler: Es ist doch so: Viele Pro-fis beenden ihre Karriere, wollen Trai-ner werden und kriegen zum Üben erst mal eine Jugendmannschaft. Aber das sind Berufsanfänger. Ich hatte als Profi in der Schweiz auch Trainer, und die mit den Länderspielen haben gerne gesagt: Folgt eurem Gegner bis aufs Klo! Ich habe damals schon gedacht: Hast du keine andere Lösung? Ich denke, dass der Trainerjob im Nachwuchs total unterschätzt wird, dabei sind das genau die Trainer, die uns sagen werden, wie man bei der nächsten WM wieder offensiver spielen kann. Ich bin mir sicher, der Markus Frei sitzt schon irgendwo und tüftelt.
SZ: Auffällig ist auch, dass dieses 4-2-3-1-System, das man in diesem Turnier oft zu sehen bekommt, dem System des FC Chelsea ähnelt. Ist das die Chelseasierung des Weltfußballs, nach dem Motto: Dieser Mourinho soll ja ein Taktikgott sein, also mache ich das auch?
Siegenthaler: Das ist tatsächlich ein Problem. Viele kopieren dieses System, haben aber nicht die Spieler dafür.
SZ: Hat die WM ein Trainerproblem?
Siegenthaler: Ich maße mir nicht an, global über die Trainerarbeit zu urteilen.
SZ: Ihre These ist aber, dass sich solche Versäumnisse summieren und bei einer WM geballt zum Vorschein kommen?
Siegenthaler: Ja, aber man darf natürlich eines auch nicht vergessen: Manchmal sind den Trainern einfach die Hände gebunden. Es kann ja keine sinnvolle WM-Vorbereitung sein, wenn Brasilien 15 Trainings an Sponsoren verkauft und jede Einheit zum Volksfest wird. Oder Costa Rica, die tingeln durch halb Europa, spielen heute in Kiew, morgen in Barcelona und wieder zwei Tage später in London. Manchmal gibt es wirtschaftliche Aspekte, die einem Trainer die Arbeit erschweren, und das wirkt sich natürlich aufs Niveau einer WM aus. Als Fan frage ich mich ja: Warum spielt Ronaldo? Der hat zehn Kilo Übergewicht, und auf der Bank sitzen zehn schlanke Ronaldos. Oder rechts hinten, da spielt Cafu, der ist 36, und auf der Bank sitzt eine Granate wie Cicinho. Da habe ich als Laie nur diese Antwort: Vielleicht hat der Trainer irgendwelche Auflagen, von denen der Siegenthaler nichts weiß.
SZ: Freistoßtore hat aber wahrscheinlich keiner verboten bei dieser WM. Können Sie sich - außer Beckham - an einen Spieler erinnern, der bei dieser WM gute Standardsituationen gespielt hat?
Siegenthaler: Das war in der Tat auffällig, ich glaube, dass es da einen einfachen Grund gibt: mangelndes Training.
SZ: Aber kann das sein bei einer WM?
Siegenthaler: Ja, und da landen wir automatisch wieder bei der Taktik. Nehmen Sie die deutsche Mannschaft . . .
SZ: . . . die auch extrem schlechte Ecken und Freistöße gespielt hat. . .
Siegenthaler: . . . oder nein, nehmen Sie mal Italien: Die haben bei dieser WM am meisten Tore aus diesen ruhenden Bällen gemacht. Warum? Weil sie das trainieren konnten. Und warum konnten sie das trainieren? Weil sie viele andere Dinge schon intus hatten.
SZ: Das heißt: Die deutsche Elf musste in sechs Wochen WM-Vorbereitung so viele taktische Dinge einstudieren, dass für Standards keine Zeit mehr blieb?
Siegenthaler: Ja, was Klinsmann und Löw sechs Wochen akribisch einstudiert haben, können die Argentinier seit sechs Jahren. Und die Italiener seit sechzig. Einem Cannavaro muss keiner mehr erklären, was Viererkette ist.
SZ: Es gab auch kaum Kopfballtore, die aus Freistößen resultierten.
Siegenthaler: Richtig, und es gibt, glaube ich, noch eine weitere simple Erklärung: Es werden einfach viel weniger leichte Fouls begangen. Man sagt den Mannschaften viel deutlicher als früher: Nicht in gefährlichen Zonen foulen! Man hat die Waffe Freistoß auch entschärft, indem man sie verhindert.
SZ: Und was ist mit der guten, alten Flanke los? Auch die hat man selten gesehen bei diesem Turnier.
Siegenthaler: Ich behaupte: Die Spieler können nicht mehr so flanken wie früher. Was glauben Sie, warum Frankreichs Trainer Raymond Domenech mit seinen Spielern tanzen üben wollte? Das ist überhaupt nichts Lächerliches, da geht es um Beweglichkeit und Rhythmisierung, um Koordination bei hohem Tempo, alles Eigenschaften, die ein bisschen verloren gegangen sind. Vielleicht hat man sich im Fußball in den letzten Jahren einfach zu sehr auf die gute Organisation im Spiel konzentriert. Dabei ist die Demut vor den kleinen Formen wie der Flanke etwas verloren gegangen.
SZ: Manchmal kamen auch Flanken, es war nur leider kein Stürmer in Sicht.
Siegenthaler: Automatismen sind ein großes Thema bei dieser WM. Vielleicht haben solche Turnierspiele auch deshalb nicht immer das Niveau von Champions-League-Spielen, weil Vereinsmannschaften inzwischen genauso gut oder besser besetzt und vor allem eingespielt sind. Ich halte es für keinen Zufall, dass gerade Frankreich, Italien und Portugal so weit gekommen sind. Die Spieler kennen sich alle seit vielen Jahren.
SZ: Im Gegensatz zur DFB-Elf.
Siegenthaler: Ja, und das ist eben die große Leistung des deutschen Trainerstabes, dass sie die Sache optimiert haben. Alles, was drin war, haben sie aus der Mannschaft rausgeholt.
SZ: Was fehlt dem deutschen Fußball, um mit Ländern wie Italien mitzuhalten?
Siegenthaler: Schweizer sind ja neutral, und als Neutraler sehe ich ein Problem in der Mentalität. Ich fürchte, dass jetzt die Meinung aufkommt, mit sechs Wochen Handauflegen sei alles geregelt. Es kann aber nicht so sein, dass die Bundesliga jetzt weiterwurstelt und im Mai 2010, vor der nächsten WM, holt der DFB dann wieder sein Turnierteam, den Klinsmann, den Löw, den Verstegen und den Siegenthaler. Uns kann man dann buchen, wir sind dann wie die vier Tenöre, und so geht das von Turnier zu Turnier, und irgendwann ist der Siegenthaler so alt, dass er mit dem Stock dahergehumpelt kommt. Also, das war jetzt natürlich Sarkasmus pur, ich will damit nur sagen: Das kann's nicht sein. Wir müssen den Optimismus und den Schwung der WM nutzen, um Teile der Arbeit in die Liga hineinzutragen. Wir müssen erreichen, dass die Liga sich fragt: Machen wir alles richtig? Das ist das, was im deutschen Fußball grundsätzlich fehlt: die Bereitschaft, sich zu hinterfragen. Das wirkt sich auch in der Trainerausbildung aus, und am Ende ist es dann halt so, dass die Italiener uns taktisch weit voraus sind.
SZ: Die Bundesliga sagt aber immer, sie würde vieles von dem, was bei der Nationalmannschaft gemacht wird, seit 20 Jahren praktizieren.
Siegenthaler: Wissen Sie, wenn ich meiner Frau sage: Du, Schatz, ich gehe seit 20 Jahren abends zum Spanisch-Unterricht, dann fragt sie mich auch irgendwann: Und warum kannst du's dann nicht?
Interview:
(SZ vom 7.7.2006)