Bericht von der Front. Lilli Binzegger
Verfasst: 28. Mär 2003, 15:51
Eines stand fest: kein Wort über Beckham. Über den ist alles gesagt, und Fussballer sind doof, doofer als Fussballer sind nur die Radrennfahrer, und Beckham mit seinen Frisuren und diesem Spicegirl zu Hause ist doppelt doof. Und ich bin kein Teenie.
Allerdings hatte ich nicht wissen können, dass er jetzt fast zum Anfassen nah da vorne hin und her laufen würde. Läuft einfach mir nichts, dir nichts hin und her, zum Anfassen nahe. Und wie er vorhin wie direkt aus dem «Hello» auf den grünen Rasen eingelaufen ist, konnte es einen schon elektrisieren. Das ist ja ein Bild von einem Knaben! So ganz blond. Und richtig zart. Keiner dieser zähen, sehnigen Typen. Fast ein bisschen schmächtig. Isst am Ende nicht genug. Irgendwie gar kein Er, eher ein Es. Ein blondes Es mit Flaum im Gesicht, zum Heimnehmen herzig. Finde einzig die schwarzen Kniesocken zu den weissen Turnhosen etwas unvorteilhaft. Uns hat man immer gesagt: nie schwarze Strümpfe zu weissen Röcken.
Eben hatten die Geräusche aus näherem und entfernterem Reden, Rufen, Lachen bestanden, in dem man den Einzelnen noch ausmachen konnte. Jetzt beginnen sie in der Fankurve rechts hinten im Chor «Chelsea, Chelsea!» zu singen, und auf der Gegenseite beginnen sie im Chor «U-ni-ted, U-ni-ted!» zu rufen. Aber keine Lärminstrumente, auch keine Transparente, nichts. Das dürfen sie hier alles nicht mit ins Stadion nehmen, auch kein Feuerwerk, keine Flaschen, keine Dosen. Nicht einmal Dartpfeile. Steht alles auf Tafeln neben den Eingängen geschrieben, mit Bildchen daneben.
Sitze schon seit einer Dreiviertelstunde auf meinem Platz Nr. 106 in der Reihe LL im Block STH 125, Eingang S 21, South Stand Lower. Eigentlich wäre ich am liebsten gleich geblieben, als ich gestern hier heraus nach Old Trafford an den Stadtrand von Manchester kam, um es heute auch sicher zu finden. Weiss nämlich von einem, der versehentlich im Old-Trafford-Cricketstadion gelandet ist statt im Old-Trafford-Fussballstadion. Das sollte mir nicht passieren. Hätte es wahrscheinlich lange nicht gemerkt.
Hätte heute in der gewaltigen Masse von Fans und von Hunderten von bemannten Polizeipferden keine Ahnung gehabt, wo nach South Stand Lower und nach Eingang S 21 suchen. Gestern hatte ich direkt vor dem Stadion, an dem 100 Meter hoch «Manchester United» steht, einen der freundlichen Manchestermänner, die tagein, tagaus vor dem Stadion verlaufene Japaner einsammeln, erst mal sicherheitshalber gefragt, ob dies das Stadion von Manchester United sei. Heute hat es einen von der Tramstation von allein zum Stadion geschwemmt, vorbei an den dampfenden Wurst- und Hamburger- und Fish-&-Chips- und den bunten ManU-Souvenirständen und den ausrufenden ManU-Programmverkäufern entlang. Ich hätte erwartet, dass sie singen und lärmen würden, die Fans auf dem Weg zu ihrer Erfüllung. Dann waren sie aber freundlich und andächtig, wie Kirchgänger. Einfach wie sehr, sehr viele Kirchgänger.
Zum Glück ist das Wetter besser, als die Wetterprognose es war. Hatte mich gestern noch die ganze Zeit zu erinnern versucht, ob das Kolosseum in Rom ein Dach hat oder ob ich mir einen Schirm kaufen sollte. Fussballstadien stellte ich mir wie Kolosseen vor, das von Manchester United sowieso. Dabei ist Old Trafford eine grünschillernde Maschine mit zum Himmel ragendem weissem Gestänge, und es hätte ja auch gerade noch gefehlt, dass sie hier mit Schirmen sitzen würden und ich womöglich nicht mehr nach vorne sähe. Zu Beckham zum Beispiel.
Allmählich nimmt der Lärm Form an. Eben waren die Tribünen noch fast leer, und ich dachte schon, man hätte mich geneppt, als man mir auf dem Schwarzmarkt für 300 Franken ein 20-Pfund-Ticket verkauft hatte, und ich würde jetzt dasitzen wie jene einsame Gestalt mutterseelenallein auf den Rängen, die sie bei uns alle vierzehn Tage in der Zeitung abbilden. Und jetzt ist das Stadion bis auf den letzten Platz besetzt. Jetzt sind sie alle da, und jetzt beginnen sie ihre gewaltigen Lärmschwaden zu erzeugen, machen «Whhhoooaaahhh!!», wie der Platzspeaker in den Lautsprecher «Number six: Rio Ferdinand» ruft, und «Whhhoooaaahhh!!», wie er «Number seven: David Beckham» ruft, und so fort. Bei Number seven mache ich auch ein wenig «whoah».
Die Lärmschwaden steigen aus dem Stadion auf wie die Wolken aus den Kühltürmen von Atomkraftwerken. Von hinten brüllen mir das «Whhhoooaaahhh!!» zwei ungesunde Buben mit dicklichen, weichlichen Gesichtern an den Kopf. Sehen aus, als hätten sie von der Mutterbrust direkt zu Big Mac übergewechselt oder zu Fish-&-Chips, die man hier fetttriefend mit fetttriefenden Fingern von fetttriefendem Papier isst. Links von mir sitzt eine Frau, die sich als Erstes die Kopfhörer ihres Radios in die Ohren steckt. Hat bestimmt Ärger zu Hause und sucht hier etwas Ruhe. Links von ihr ein Mann in roter Jacke, der von dem Mann links von ihm in roter Jacke bereits nicht mehr unterscheidbar ist. Was rechts und links und nach hinten mehr als drei Mann entfernt ist, ist nicht mehr Individuum, sondern bereits Teil der Masse, die sich über diese riesigen schrägen Flächen der Tribünen ergiesst. Nach vorn nicht. Da sind nur ein paar Reihen, und dann ist schon Beckham.
Es geht um eine Wurst heute, Manchester United gegen den FC Chelsea. Wir sind auf Platz 4 von was auch immer. Chelsea ist hinter Arsenal auf Platz 2. Verlieren wir heute, wird's scheint's schwierig für uns. Aber Fergie hat gesagt (nein, habe ich zuerst auch gedacht, ist aber unser Trainer, Sir Alex Ferguson), Fergie also hat gesagt: Arsenal weiss, dass wir ihnen auf den Fersen sind. We're banging on their door. Erst haben wir jetzt aber an die Tür von Chelsea zu hauen, oder sehe ich das vielleicht falsch, Sir Alex?
Versuche festzustellen, ob das Spiel schon begonnen hat. So klar zu erkennen ist das nämlich nicht, die rennen schon ewig vorher auf diesem Rasen herum.
Und ob es begonnen hat! Die Blauen belagern ja bereits unser Tor! (Von wegen banging on their door!) Ist aber nochmals gutgegangen, unser Goalie («Fa-bieen!!») kickt den Ball weit in die andere Platzhälfte. Beckham («Bcks!!») rennt immer auf unserer Seite, ist das nicht wunderbar. Und hat jetzt den Ball! Schiesst den Ball jetzt zur 16! Jetzt hat ihn unsere 17! (oder 71!, kann ja keiner lesen!), jetzt lärmt das Stadion!, es kläfft und bellt und brüllt: «Go on Reds!» und «On you go!» und «Yeeeaaahhh!!»
And how we're banging on your door now, you!
Der Ball jetzt bei unserer 20 oder 26 oder so, jetzt bei unserer 6! (kenn ich! Rio Ferdinand!), jetzt bei unserer 14, jetzt bei unserer 7! «Go on Becks!», «Gnbcks!!», «GOOH! OOHN! BECKS!»
Aber jetzt ein noch im Anschwellen ersterbendes «Aaaaahhhhhhhh», ein sechzigtausendfacher Wehlaut, ein Klagelaut, der mich jäh herunterholt aus den jubelnden Höhen, in die es mich! uns! hinaufgetragen hatte. Hinab in die Niederung dieser harten Plasticsitze, auf die sich jetzt alle wieder fallen lassen, nachdem es sie vorhin alle von den Sitzen gerissen hat, so dass ich nicht sehen konnte, was überhaupt los war da vorn.
Hat am 2. Mai Geburtstag und ist 6'0'' hoch und 11st 9 lbs schwer. Las ich im Büchlein «Man Utd», das ich gestern zusammen mit den ManU-Rhabarberbonbons im United Megastore hier nebenan gekauft habe. Da stand auch: «No other player in the land has ever been as big as Beckham.» As big as Beckham - schmilzt wie Sonne im Schnee. Könnte ja jetzt sagen: Er ist einfach so, wie wir Frauen die Männer mögen: hübsch und dumm. Also hübsch ist er auf jeden Fall, aber da ist einfach noch mehr. Hat manchmal so einen verhangenen, verwobenen Blick, so etwas Schwermütig-Dunkles, und das in diesem blonden Gesicht. Den Blick kann ich von meinem Platz aus natürlich nicht erkennen, obwohl ich wie gesagt doch recht nah an ihm sitze. Kenne das alles nur aus dem «Hello» und vom Beckham-Kalender. Aber wahrscheinlich macht er diese Augen jetzt gar nicht. Mit dem nach innen gerichteten Blick könnte er ja auch gar nicht gut spielen.
Geht wahnsinnig in die Knie, wenn er losrennt. Winkelt die Knie irgendwie so nach aussen ab, dass sie die Form des Stromabnehmers eines Trams annehmen. Verleiht ihm irgendwie eine enorme Kurvenhaftung.
Was wohl Fallrückzieher auf Englisch heisst? Beim letzten Fussballmatch, den ich sah, am Fernsehen, hat Gerd Müller einen gemacht. Gerd Müller hat immer welche gemacht. War mehr oder weniger seine Fortbewegungsart. Beck-ham, Beck-enbauer, alle heissen sie ähnlich. Beckham ist viel schöner, ich meine: nur schon der Name. Und dann noch David, Da-vid. Kenne die neue Offsideregel nicht. Die alte hiess: Ein Spieler darf nicht vor dem Ball im gegnerischen Tor sein. War ein heisses Gefühl soeben, diese kollektive Erregung, dieses plötzliche Überschwemmtwerden mit Glückserwartung und das Mitgeschwemmtwerden. Das Mitgeschwemmtwerden vor allem.
Kann mir schon vorstellen, dass man das sucht, dieses ozeanische Glücksgefühl in diesem orgiastischen Lärm. Könnte allein schon nach diesem gewaltigen Tosen süchtig werden. Wie jetzt wieder. Wie sich jetzt wieder die Chelsea-Chelsea!-Singsangwellen erheben und sich am harten U-NI-TED-U-NI-TED!-Staccato brechen, das ihnen von der anderen Seite entgegenschlägt, und wie beide zum fraktalen Lärm werden an dem Punkt, wo sie in dem gigantischen Behälter aufeinandertreffen, der weder richtig offen noch richtig geschlossen ist. Und wie der Lärm dann verebbt und - ganz merkwürdig - mit dem Nachlassen immer tieftoniger wird. Und nachhallt, bis eine neue Welle die Reise durchs riesige Oval antritt, wenn wieder einer beinahe ein Tor gemacht hat oder beinahe keins.
Ovale haben ihre eigene Akustik und ja auch ihre eigene Erotik. Dem Fussball sagt man eine gewisse homoerotische Komponente nach, weil die Spieler nach einem Goal sich das Leibchen vom Leib reissen und aneinander hochspringen. Habe einen Kollegen gefragt, was ihm zu Fussball einfalle. Er sagte: «Goals, Bier, Männerwaden.»
Sehen Sie, auch er.
Aber warum steht jetzt an der Leuchttafel 1:0? Für wen? Für uns? Wann zum Teufel haben wir denn jetzt dieses Tor gemacht?
Also, das war folgendermassen: Wir haben gesiegt. Mit 2:1. Wir haben diesem Mr. Somehow die Tür eingetreten und sind jetzt hinter Arsenal auf Platz 2. Das dritte Tor hat (nachdem das Spiel, wenn Sie mich fragen, aber mir soll's recht sein, bereits zu Ende war) unser Diego Forlan geschossen. Das war, als der Typ neben mir mich um die Hüfte gefasst hatte und mit mir zwischen seinen Pranken auf und nieder gesprungen war und als das U-NI-TED! U-NI-TED! sich bis in den Himmel hinaufschraubte und sich sechzigtausend in Glück auflösten.
Das erste war gar keins von uns gewesen, das hatte dieser Chelsea-Isländer Gudjohnsen (Eidur Smari Gudjohnsen, ich bitte Sie!), der die Finger nicht vom Glücksspiel lässt und einem auch sonst nicht gefallen will, in der 30. Minute gegen uns geschossen. Das zweite Tor aber, das habe ich dann nachher am Fernsehen gesehen und in der Zeitung gelesen, das zweite Tor hat in der 39. Minute auf Pass von Beckham, auf Pass von Beckham, auf Pass von Beckham Paul Scholes gemacht.
Lilli Binzegger
Allerdings hatte ich nicht wissen können, dass er jetzt fast zum Anfassen nah da vorne hin und her laufen würde. Läuft einfach mir nichts, dir nichts hin und her, zum Anfassen nahe. Und wie er vorhin wie direkt aus dem «Hello» auf den grünen Rasen eingelaufen ist, konnte es einen schon elektrisieren. Das ist ja ein Bild von einem Knaben! So ganz blond. Und richtig zart. Keiner dieser zähen, sehnigen Typen. Fast ein bisschen schmächtig. Isst am Ende nicht genug. Irgendwie gar kein Er, eher ein Es. Ein blondes Es mit Flaum im Gesicht, zum Heimnehmen herzig. Finde einzig die schwarzen Kniesocken zu den weissen Turnhosen etwas unvorteilhaft. Uns hat man immer gesagt: nie schwarze Strümpfe zu weissen Röcken.
Eben hatten die Geräusche aus näherem und entfernterem Reden, Rufen, Lachen bestanden, in dem man den Einzelnen noch ausmachen konnte. Jetzt beginnen sie in der Fankurve rechts hinten im Chor «Chelsea, Chelsea!» zu singen, und auf der Gegenseite beginnen sie im Chor «U-ni-ted, U-ni-ted!» zu rufen. Aber keine Lärminstrumente, auch keine Transparente, nichts. Das dürfen sie hier alles nicht mit ins Stadion nehmen, auch kein Feuerwerk, keine Flaschen, keine Dosen. Nicht einmal Dartpfeile. Steht alles auf Tafeln neben den Eingängen geschrieben, mit Bildchen daneben.
Sitze schon seit einer Dreiviertelstunde auf meinem Platz Nr. 106 in der Reihe LL im Block STH 125, Eingang S 21, South Stand Lower. Eigentlich wäre ich am liebsten gleich geblieben, als ich gestern hier heraus nach Old Trafford an den Stadtrand von Manchester kam, um es heute auch sicher zu finden. Weiss nämlich von einem, der versehentlich im Old-Trafford-Cricketstadion gelandet ist statt im Old-Trafford-Fussballstadion. Das sollte mir nicht passieren. Hätte es wahrscheinlich lange nicht gemerkt.
Hätte heute in der gewaltigen Masse von Fans und von Hunderten von bemannten Polizeipferden keine Ahnung gehabt, wo nach South Stand Lower und nach Eingang S 21 suchen. Gestern hatte ich direkt vor dem Stadion, an dem 100 Meter hoch «Manchester United» steht, einen der freundlichen Manchestermänner, die tagein, tagaus vor dem Stadion verlaufene Japaner einsammeln, erst mal sicherheitshalber gefragt, ob dies das Stadion von Manchester United sei. Heute hat es einen von der Tramstation von allein zum Stadion geschwemmt, vorbei an den dampfenden Wurst- und Hamburger- und Fish-&-Chips- und den bunten ManU-Souvenirständen und den ausrufenden ManU-Programmverkäufern entlang. Ich hätte erwartet, dass sie singen und lärmen würden, die Fans auf dem Weg zu ihrer Erfüllung. Dann waren sie aber freundlich und andächtig, wie Kirchgänger. Einfach wie sehr, sehr viele Kirchgänger.
Zum Glück ist das Wetter besser, als die Wetterprognose es war. Hatte mich gestern noch die ganze Zeit zu erinnern versucht, ob das Kolosseum in Rom ein Dach hat oder ob ich mir einen Schirm kaufen sollte. Fussballstadien stellte ich mir wie Kolosseen vor, das von Manchester United sowieso. Dabei ist Old Trafford eine grünschillernde Maschine mit zum Himmel ragendem weissem Gestänge, und es hätte ja auch gerade noch gefehlt, dass sie hier mit Schirmen sitzen würden und ich womöglich nicht mehr nach vorne sähe. Zu Beckham zum Beispiel.
Allmählich nimmt der Lärm Form an. Eben waren die Tribünen noch fast leer, und ich dachte schon, man hätte mich geneppt, als man mir auf dem Schwarzmarkt für 300 Franken ein 20-Pfund-Ticket verkauft hatte, und ich würde jetzt dasitzen wie jene einsame Gestalt mutterseelenallein auf den Rängen, die sie bei uns alle vierzehn Tage in der Zeitung abbilden. Und jetzt ist das Stadion bis auf den letzten Platz besetzt. Jetzt sind sie alle da, und jetzt beginnen sie ihre gewaltigen Lärmschwaden zu erzeugen, machen «Whhhoooaaahhh!!», wie der Platzspeaker in den Lautsprecher «Number six: Rio Ferdinand» ruft, und «Whhhoooaaahhh!!», wie er «Number seven: David Beckham» ruft, und so fort. Bei Number seven mache ich auch ein wenig «whoah».
Die Lärmschwaden steigen aus dem Stadion auf wie die Wolken aus den Kühltürmen von Atomkraftwerken. Von hinten brüllen mir das «Whhhoooaaahhh!!» zwei ungesunde Buben mit dicklichen, weichlichen Gesichtern an den Kopf. Sehen aus, als hätten sie von der Mutterbrust direkt zu Big Mac übergewechselt oder zu Fish-&-Chips, die man hier fetttriefend mit fetttriefenden Fingern von fetttriefendem Papier isst. Links von mir sitzt eine Frau, die sich als Erstes die Kopfhörer ihres Radios in die Ohren steckt. Hat bestimmt Ärger zu Hause und sucht hier etwas Ruhe. Links von ihr ein Mann in roter Jacke, der von dem Mann links von ihm in roter Jacke bereits nicht mehr unterscheidbar ist. Was rechts und links und nach hinten mehr als drei Mann entfernt ist, ist nicht mehr Individuum, sondern bereits Teil der Masse, die sich über diese riesigen schrägen Flächen der Tribünen ergiesst. Nach vorn nicht. Da sind nur ein paar Reihen, und dann ist schon Beckham.
Es geht um eine Wurst heute, Manchester United gegen den FC Chelsea. Wir sind auf Platz 4 von was auch immer. Chelsea ist hinter Arsenal auf Platz 2. Verlieren wir heute, wird's scheint's schwierig für uns. Aber Fergie hat gesagt (nein, habe ich zuerst auch gedacht, ist aber unser Trainer, Sir Alex Ferguson), Fergie also hat gesagt: Arsenal weiss, dass wir ihnen auf den Fersen sind. We're banging on their door. Erst haben wir jetzt aber an die Tür von Chelsea zu hauen, oder sehe ich das vielleicht falsch, Sir Alex?
Versuche festzustellen, ob das Spiel schon begonnen hat. So klar zu erkennen ist das nämlich nicht, die rennen schon ewig vorher auf diesem Rasen herum.
Und ob es begonnen hat! Die Blauen belagern ja bereits unser Tor! (Von wegen banging on their door!) Ist aber nochmals gutgegangen, unser Goalie («Fa-bieen!!») kickt den Ball weit in die andere Platzhälfte. Beckham («Bcks!!») rennt immer auf unserer Seite, ist das nicht wunderbar. Und hat jetzt den Ball! Schiesst den Ball jetzt zur 16! Jetzt hat ihn unsere 17! (oder 71!, kann ja keiner lesen!), jetzt lärmt das Stadion!, es kläfft und bellt und brüllt: «Go on Reds!» und «On you go!» und «Yeeeaaahhh!!»
And how we're banging on your door now, you!
Der Ball jetzt bei unserer 20 oder 26 oder so, jetzt bei unserer 6! (kenn ich! Rio Ferdinand!), jetzt bei unserer 14, jetzt bei unserer 7! «Go on Becks!», «Gnbcks!!», «GOOH! OOHN! BECKS!»
Aber jetzt ein noch im Anschwellen ersterbendes «Aaaaahhhhhhhh», ein sechzigtausendfacher Wehlaut, ein Klagelaut, der mich jäh herunterholt aus den jubelnden Höhen, in die es mich! uns! hinaufgetragen hatte. Hinab in die Niederung dieser harten Plasticsitze, auf die sich jetzt alle wieder fallen lassen, nachdem es sie vorhin alle von den Sitzen gerissen hat, so dass ich nicht sehen konnte, was überhaupt los war da vorn.
Hat am 2. Mai Geburtstag und ist 6'0'' hoch und 11st 9 lbs schwer. Las ich im Büchlein «Man Utd», das ich gestern zusammen mit den ManU-Rhabarberbonbons im United Megastore hier nebenan gekauft habe. Da stand auch: «No other player in the land has ever been as big as Beckham.» As big as Beckham - schmilzt wie Sonne im Schnee. Könnte ja jetzt sagen: Er ist einfach so, wie wir Frauen die Männer mögen: hübsch und dumm. Also hübsch ist er auf jeden Fall, aber da ist einfach noch mehr. Hat manchmal so einen verhangenen, verwobenen Blick, so etwas Schwermütig-Dunkles, und das in diesem blonden Gesicht. Den Blick kann ich von meinem Platz aus natürlich nicht erkennen, obwohl ich wie gesagt doch recht nah an ihm sitze. Kenne das alles nur aus dem «Hello» und vom Beckham-Kalender. Aber wahrscheinlich macht er diese Augen jetzt gar nicht. Mit dem nach innen gerichteten Blick könnte er ja auch gar nicht gut spielen.
Geht wahnsinnig in die Knie, wenn er losrennt. Winkelt die Knie irgendwie so nach aussen ab, dass sie die Form des Stromabnehmers eines Trams annehmen. Verleiht ihm irgendwie eine enorme Kurvenhaftung.
Was wohl Fallrückzieher auf Englisch heisst? Beim letzten Fussballmatch, den ich sah, am Fernsehen, hat Gerd Müller einen gemacht. Gerd Müller hat immer welche gemacht. War mehr oder weniger seine Fortbewegungsart. Beck-ham, Beck-enbauer, alle heissen sie ähnlich. Beckham ist viel schöner, ich meine: nur schon der Name. Und dann noch David, Da-vid. Kenne die neue Offsideregel nicht. Die alte hiess: Ein Spieler darf nicht vor dem Ball im gegnerischen Tor sein. War ein heisses Gefühl soeben, diese kollektive Erregung, dieses plötzliche Überschwemmtwerden mit Glückserwartung und das Mitgeschwemmtwerden. Das Mitgeschwemmtwerden vor allem.
Kann mir schon vorstellen, dass man das sucht, dieses ozeanische Glücksgefühl in diesem orgiastischen Lärm. Könnte allein schon nach diesem gewaltigen Tosen süchtig werden. Wie jetzt wieder. Wie sich jetzt wieder die Chelsea-Chelsea!-Singsangwellen erheben und sich am harten U-NI-TED-U-NI-TED!-Staccato brechen, das ihnen von der anderen Seite entgegenschlägt, und wie beide zum fraktalen Lärm werden an dem Punkt, wo sie in dem gigantischen Behälter aufeinandertreffen, der weder richtig offen noch richtig geschlossen ist. Und wie der Lärm dann verebbt und - ganz merkwürdig - mit dem Nachlassen immer tieftoniger wird. Und nachhallt, bis eine neue Welle die Reise durchs riesige Oval antritt, wenn wieder einer beinahe ein Tor gemacht hat oder beinahe keins.
Ovale haben ihre eigene Akustik und ja auch ihre eigene Erotik. Dem Fussball sagt man eine gewisse homoerotische Komponente nach, weil die Spieler nach einem Goal sich das Leibchen vom Leib reissen und aneinander hochspringen. Habe einen Kollegen gefragt, was ihm zu Fussball einfalle. Er sagte: «Goals, Bier, Männerwaden.»
Sehen Sie, auch er.
Aber warum steht jetzt an der Leuchttafel 1:0? Für wen? Für uns? Wann zum Teufel haben wir denn jetzt dieses Tor gemacht?
Also, das war folgendermassen: Wir haben gesiegt. Mit 2:1. Wir haben diesem Mr. Somehow die Tür eingetreten und sind jetzt hinter Arsenal auf Platz 2. Das dritte Tor hat (nachdem das Spiel, wenn Sie mich fragen, aber mir soll's recht sein, bereits zu Ende war) unser Diego Forlan geschossen. Das war, als der Typ neben mir mich um die Hüfte gefasst hatte und mit mir zwischen seinen Pranken auf und nieder gesprungen war und als das U-NI-TED! U-NI-TED! sich bis in den Himmel hinaufschraubte und sich sechzigtausend in Glück auflösten.
Das erste war gar keins von uns gewesen, das hatte dieser Chelsea-Isländer Gudjohnsen (Eidur Smari Gudjohnsen, ich bitte Sie!), der die Finger nicht vom Glücksspiel lässt und einem auch sonst nicht gefallen will, in der 30. Minute gegen uns geschossen. Das zweite Tor aber, das habe ich dann nachher am Fernsehen gesehen und in der Zeitung gelesen, das zweite Tor hat in der 39. Minute auf Pass von Beckham, auf Pass von Beckham, auf Pass von Beckham Paul Scholes gemacht.
Lilli Binzegger