Camel hat geschrieben:marga hat geschrieben:kann sein das du recht hast, dass deine Fankultur nicht mit meiner übereinstimmt.
Und genau darauf wollte ich ansprechen. ende 90er klaffte ein ziemliches Loch zwischen den aufkommenden Ultraorientierten und den restlichen Fans. Viel Intolleranz kam damals von den (uns) jungen Wilden. Eine Zeit als die "altmodische" Fasnachtstimmung, welche mir überhaupt die Faszination FCL geschenkt hat, langsam ausklingte und der Hexenkessel der Vergangenheit angehörte. Wir versuchten ein neues Kapitel zu beginnen, gingen die Sache jedoch völlig falsch an. Statt einen Weg zu suchen, wie wir Bestehndes miteinbeziehen konnten, suchten wir die Konfrontation und akzeptierten nur noch unsere Art von Fandasein. Nach 2-3 Jahren voller Konflikte wurde nochmal von vorne begonnen. Wir wurden reifer und merkten, dass andere Fans genauso ihre Daseinsberechtigung haben. Damit fand nach und nach eine Annäherung statt und die Allmend entwickelte sich wieder zu einer stimmgewaltigen Wand hinter der Mannschaft. Altes wurde mit Neuem gemischt und so fand Luzern zur heutigen Identität. Ich pflege rund um die FCL-Spiele viel Kontakt zu Leuten, welche sich selber viel weniger aktiv am Support beteiligen und akzeptiere deren Fansein genauso wie unseres. Eine wichtige Funktion hat hierbei auch die Zone, wo sich alle möglichen Fans begegnen und austauschen. Persönlich finde ich, dass sich das "Ultradasein" in Luzern über die Jahre in eine sehr konstruktive und tolerante Richtung entwickelt hat. Leider werde ich das Gefühl nicht los, dass es in letzter Zeit vermehrt wieder Exponente gibt, welche versuchen einen Keil zwischen die verschiedenen Fanlager zu treiben. Dass die Medien dabei keinen unwichtigen Teil beitragen, muss man ebenfalls festhalten. Es wäre ein schritt in die Steinzeit zurück, sollten der harte Kern nun, wie es sich Stierli wünscht, isoliert werden. Ein jahrelang erarbeitete Entwicklung würde damit zerstört. Ich finde es beeindruckend wie konstruktiv und wenig Polemik hier von Seite der "Fankultur-Verteidiger" argumentiert wird und ich weiss, dass dies auch auf der Seite der Kritiker möglich wäre. Der "Mit einem Messer am Hals kann man nicht singen!"-Thread hat dies eindrücklich bewiesen.
Es gibt nicht nur schwarz und weiss! Kämpfen für ein tolerantes Zusammenleben der Vielfalt von Fans!
Ich finde dies ganz interessante Eindrücke und möchte gerne meine Gefühlslage diesbezüglich als jahrelanger Beobachter (mag mich noch gut an die Anfänge mit den "Ultras Luzern" erinnern), Unterstützer, in gewisser Weise bestimmt auch Mitwirkender - und ab und zu aber auch Kritiker - der aktiven Fankultur Luzern äussern.
Ich teile deine Meinung weitgehend, insofern sich in den all den Jahren eine sehr konstruktive (man denke vor allem den optischen Support und die vielen positiven Anlässe rund um die Zone5) und auch tolerante Fankultur entwickelt hat. Obwohl es immer wieder zu Diskussionen bezüglich den einzelnen negativen Ausschweifungen dieser entstehenden Fankultur gab, konnte ich sehr lange mit diesen leben, weil sie durch die positiven Effekte für mich bei weitem überkompensiert wurden.
Es ist jedoch nicht zu vergessen, dass die ganze Szene dank des Aufschwungs der letzten Jahre auch in der Masse enorm gewachsen ist. Gleichzeitig ist mit der Masse auch der Anspruch der Szene gestiegen: man begann (Club-)Politk zu machen, tritt heute nach aussen als organistierte, (und richtigerweise mit dem Anspruch als) sehr ernst zunehmende Partei auf. Dies funktioniert nach aussen alles ziemlich gut (obwohl von Stierli und den Medien noch nicht so ernst genommen wie erwünscht) und ich bin heute in der Sache ein Befürworter praktisch aller Anliegen der Szene.
Die angesprochene Toleranz gegenüber all den Strömungen hat jedoch oftmals aber auch eine Abgrenzung gegen nicht gewollte Strömungen - die halt mit der Masse verstärkt dazu kamen - verunmöglicht. Ich bin klar der Meinung, dass diese Auswüchse (Gewaltausbrechungen, man erinnere an den Cuphalbfinal FCL-Sion oder die vereinzelte Einflussnahme der Kat. C oder der in Luzern seltene Missbrauch von Pyro) nicht mit Repression in den Griff zu kriegen sind, ohne dabei die ganze Fankultur zu stören. Da für mich ohne Fankultur auch der Fussball seinen Reiz verliert, ist dies für mich keine Lösung. Der einzige Weg diese Auswüchse zumindest möglichst im Rahmen zu halten ist deshalb meiner Meinung nach die Prävention und Selbstregulierung.
Wie sich gezeigt hat, ist dies aber so ne Sache mit der Selbstregulierung. In den letzten Jahren haben die Szenen meiner Meinung nach beinahe zu viel Macht erhalten (z.B. Muttenzerkurve, die befiehlt was in den gegnerischen Stadion abläuft). So sind sich die Fankulturen teilweise daran zu verselbstständigen und vom Fussball an sich zu verabschieden - dies hat z.B. nicht nur die Eskalation des langjährigen Zwist zwischen den GC und FCZ-Ultras gezeigt (ich hatte vor zig Jahren auch mal eine Seminararbeit über die Ultra-Bewegung geschrieben, inklusive wie im ehemaligen Jugoslawien schliesslich Gruppierungen mit dem Namen der Gruppierung auf dem Panzer in den Krieg zogen). Der Vorfall in Zürich wie auch der Kindergarten mit unserer von den Baslern gestohlenen Zaunfahne, hat mir vor paar Wochen eigentlich klar gemacht, dass mit dieser Fankultur irgendwas geschehen muss, um sie wieder zu "erden" (früher genügten paar Pyrofackeln, heute muss jede Szene noch mehr zünden um sich zu beweisen).
Insofern wäre ich vor paar Wochen bereits gewesen sinnvolle Massnahmen mitzutragen (wobei ich selber nicht wusste - was die genau hätten sein sollen) und hätte mir deshalb in der emotional und medial augewühlten Situation erhofft, dass die Szene auf weitere grosse Pyroshows verzichtet hätte, um nach den wiederholten Vorfällen erst mal wieder ein wenig Gras drüber zu wachsen (wie z.B. aktuell die Südkurve). Dazu war man auch aufgrund der langjährigen wiederholten Fehlern in der Kommunikation des FCL-Vorstandes (namentlich von Walti) nicht bereit, wie die Thun-Pyroshow 2 Tage nach Rom zeigte. Trotzdem konnte ich dies nicht verstehen. Ich hätte mir in dem Moment ein Reflektieren bzgl. Quo Vadis Fankultur erwünscht, das Resultat ist jedoch weiterhin eher eine Radikalisierung.
Ich persönlich würde diese Radikalisierung aktuell nicht mittragen und würde mich wohl eher gegen den aktiven Teil der Szene stellen, hätte der FCL daraufhin nicht wiedereinmal (unter dem Druck der Medien) absolut überreagiert und der Fankultur an sich des Messer an den Hals gesetzt.
Ich hab seither beobachtet, dass wie bei mir persönlich ein starkes Zusammenrücken unter der Fans stattgefunden hat - weit über die sogenannten Fans hinaus. Dies war nicht nur im Heimspiel gegen GC sowie auch in Basel ersichtlich, als man sehr zahlreich und gemeinsam optisch und akustisch lautstark auftrat. Ich trage diesen Protest zu 100% mit, wünsche mir jedoch, dass dieses aktuelle Zusammenstehen auch die Fankultur Luzern an sich weiterbringt.
Insofern wünsche ich mir, dass sich aus der aktuellen Bewegung heraus endlich noch mehr Selbstregulierung entwickelt, noch mehr charismatische Köpfe in der Kurve mehr Respekt erhalten und diese auch kurvenintern mehr Mitsprache und Weisungsrecht erhalten. Mit meinem persönlichen Ziel, dass die Fankultur noch positiver - intern vor allem auch weniger aggressiv - aber trotzdem optisch (inkl. gut eingesetzter Pyro) und akustisch stärker denn je auftritt.